Aus dem
Beratungszentrum für psychische und soziale Fragen
8020 Graz, Griesplatz 27
Gert LYON
Hedi RIEDL
Magda COPONY
Anspruch und Wirklichkeit in der Gemeindepsychiatrie
Zum Verhältnis von psycho-sozialer Praxis und Dokumentation
im Beratungszentrum Graz, Griesplatz
Herbst 1984
ergänzt Februar 1990
Nachtrag Februar 1990
1. Zum Selbstverständnis professioneller Helfer in der Gemeindepsychiatrie
Zum beruflichen Selbstverständnis zählen wir die Grundannahmen, Wertvorstellungen, Ziele und ideale, die im Lauf der beruflichen Karriere angeeignet werden; im alltäglichen Streben nach beruflichem Erfolg orientieren wir uns an diesen Inhalten, in Zeiten der Mißerfolge wird die zunehmende Distanz an den IdealZielen zur Quelle von Selbstzweifeln. Unsere Hypothesen sind:
Zur ersten Hypothese:
Gemeindepsychiatrische Einrichtungen gibt es in Österreich erst seit wenigen Jahren. Die in ihnen arbeitenden Helfer können das in den Ausbildungslehrgängen oder früheren Berufsfeldern erworbene berufliche Selbstverständnis hier nur mehr teilweise gebrauchen, teils sind die alten Rollenbilder im neuen Feld sogar hinderlich. So wird etwa vom psychiatrischen Pfleger im Krankenhaus Unauffälligkeit und Angepaßtheit erwartet, im gemeindepsychiatrischen Feld aber Eigeninitiative und selbstbewußte Kooperation mit Ärzten und Psychologen. Für die relativ neuen Arbeitsbereiche gibt es keine einheitliche theoretische Grundlage, auch keine klar abgegrenzten Berufsrollen und nur wende sicherheitsstiftende Regeln oder Handlungsweisen.
Die relativ am besten definierten Instrumente sind die aus dem therapeutischen Bereich stammenden, etwa die therapeutische Grundhaltung des Akzeptierens, nicht (Ver-)Urteilens etc., sowie der teilnehmenden introspektiv-empathischen Beobachtung.
Zur zweiten Hypothese:
Einige der Einstellungen sind nicht immer leicht miteinander in Einklang zu
bringen
Auch im Rahmen der interprofessionellen Teamarbeit gibt es mehr oder minder widersprüchliche Ideale, die zum Selbstverständnis der Helfer gehören: z.B. einerseits das Prinzip der Deprofessionalisierung und Enthierarchisierung und andererseits die Forderung sich der Möglichkeiten und vor allem Grenzen der Persönlichen und professionellen Kompetenzen bewußt zu sein.
Auch in der Zusammenarbeit mit anderen sozialen Institutionen, insbesondere den custodialen psychiatrischen Krankenhäusern ergeben sich widersprüchliche Forderungen an du Selbstverständnis der Mitarbeiters einmal nämlich alles zu unterlassen, was die optimale Kooperation bei der Einzellfallarbeit stören könnte, andererseits tendenziell innovativ zu sein (allen rein traditionell-abwartende Betreuungsformen zu überwinden), ja sozial-und gesundheitspolitisch kritische Aktivitäten zu entwickeln, d.h. also auch aktiv die strukturellen Mängel und Fehler verknöcherter, bürokratischer Einrichtungen aufzuzeigen, um Reformbewegungen zu unterstützen.
Zur dritten Hypothese:
N vielen Situationen wird es möglich sein, diese Widersprüche aufzulösen, sie im dialektischen Prozeß ebnes abwägenden Pendelns zwischen den Polen und unterschiedlichen Ebenen als Komplementäre zu erkennen und zu einer Synthese zu kommen, welche die Handlungsfähigkeit als Helfer wieder herstellt. In nicht wenigen Situationen gelingt das nicht oder auf einem nur unbefriedigenden Niveau. Und die in einem Fall zur Orientierung durchaus hilfreichen Ideale kämen dann zur Quelle depressiv gefärbter Entmutigung des einzelnen Helfers oder gar des ganzen Teams werden. Kollegiale Hilfe, Fallseminare, Teambesprechung, Supervision sind die zur Selbstregulation gedachten Instrumente der Entstörung im Team und des Teams.
Aber auch hier spielt sich die angedeutete Dynamik auf der nächsten Ebene analog ab. Wieder gibt es eine Reihe von Ideal-Forderungen wie z.B. Gegenübertragungskentrolle und Korrektur der diagnostischen Arbeitshypothesen in bezug auf die direkte Betreuungsarbeit und neue Anläufe, Initiativen, Konzepte in bezug auf die Gemeinwesenarbeit und die kritische Öffentlichkeitsarbeit. Aber auch diese Idealforderungen, die in Zeiten der Pionierarbeit und Expansion Schwung und Richtung gegeben haben, drohen in Zeiten der Stagnation, der Mißerfolge und der Einsparungen von Sozialausgaben leicht zur Quelle von Selbstausbeutungstendenzen und des "burned-out" Syndroms der Helfer zu werden.
Wenn wir den Teufelskreis durchbrechen wollen, der sich auch in der Reprivatisierung des Elends der professionellen Helfer niederschlägt, ist es wahrscheinlich nützlich, uns m Erinnerung zu rufen, daß eine für Humanisie
ung und Demokratisierung kämpfende Psychiatrie in unserem Land noch recht jung und ihr Selbstverständnis entsprechend wenig gesichert ist.
2. Entstehung der Ansprüche
Beim Aufbau des Beratungszentrums (1977/7&) bedienten wir uns immer wieder der kritischen Argumente der Medizinsoziologie gegenüber der Wegsperr- und Drehtürpsychiatrie und der totalen Institution.
- anachronistisch - unwissenschaftliche Methoden
- theorieloses Handeln
- Datennotstand etc.
Nicht daß die herrschende Psychiatrie so ist wie sie ist - desintegrativ
- Hospitalismusschäden verursachend
- therapeutisch nihilistisch etc.
war unser zentraler Kritikpunkt; nicht da-ß sie soziale Kontrollfunktionen die medizinisch getarnte Ausgrenzung kaum verwertbarer Arbeitskräfte erfüllt, durch Privatisierung/Medizinalisierung/Pathologisi ung etc., war unser Hauptangriffspunkt, sondern - sie es macht:
So gut wie ohne Gegenwehr, ahne Reflexion, ohne Bewußtsein, ohne auch nur den Versuch zu machen, die täglich im Umgang mit den stationierten Patienten zu machenden Erfahrungen wieder zurüekzugeben, hinauszuschreien, aufzuzeigen, was jeden, der in der Psychiatrie zu arbeiten beginnt, unheimlich bedrückt.
Es ist also der bewußtlose Konformismus der Psychiatrie mit a8 den Werten, Normen, Moralvorstellungen, sozio-kultureUen Imperativen, der uns so kritikbedürftig erscheint.
Und genau diese Kritik wandelten wir in Forderungen einer künftigen demokratischen Psychiatrie um:
Wir wußten schon, daß wir dem Dilemma der Psychiatrie zwischen Kontroll-und Hilfsfunktion nicht entkommen, daß auch wir früher oder später trotz aller Mühe (bis zur Selbstausbeutung) Zwangsmaßnahmen, Psychopharmaka, Einweisungen nicht ganz vermeiden können - aber wir haben uns vorgenommen, die Prozesse und Entstehungszusammenhänge der Individualisierung und Privatisierung gesellschaftlichen Leidens sichtbar zu machen, durch die Darstellung unserer Erfahrungen Widerstand zu leinen: Durch sorgfältige Dokumentation und Begleitforschung Argumente entwickelt für die Auseinandersetzung um eine bessere Psychiatrie; Verwissenschaftlichung unseres Tuns, wissenschaftliche Begleitforschung, sorgfältige Datensammlung zur Erarbeitung von Planungsgrundlagen für weitere Reformschritte.
Zu diesen sich als zunehmend schwerer einlösbar erweisenden Forderungen kam insbesonders in der Aufbauphase des Beratungszentrums ein beträchtlicher äußerer Legitimationsdruck. Wir mußten und wollten den Bedarf, die
Effizienz, die Nützlichkeit unserer damals noch neuen Arbeits- und Organisationsformen darstellen. Und wir erhofften uns davon zugleich eine Hilfe m politischen Kampf für großzügige Strukturveränderungen. In dieser Anfangsphase gingen uns die Berichte, Referate, Selbstdarstellungen etc. nach relativ leicht aus der Feder.
Rückblickend ist aber schon dort der Trend bemerkbar, einer Zahlenmagie zu erliegen; aus der Art der Darstellung der Daten ist ersichtlich, wieviel leichter und zunächst nützlicher es schien, Quantitäten, Meßbares, Besucherfrequenz, Kontaktzahlen, Verweildauerangaben etc. darzustellen.
Die qualitativen Aspekte unserer Arbeit darzustellen war schon schwieriger, passierte seltener und schien sich auch weniger als Instrument m den langen zähen bürokratischen Auseinandersetzungen und verunsichernden Bedrohungen durch die bürokratisch-politischen Instanzen zu eignen.
Unterschätzt haben wir sicher auch die Schwierigkeit, qualifizierte Abnehmer, Interessenten für unsere Erfahrungen zu finden, die diese auch politisch umzusetzen in der Lage wären.
3. Quantität versus Qualität
Die Skepsis der Landespolitiker sowie der in den psychiatrischen Großkrankenhäusern Tätigen zeigte sich von allem Anfang an in einem verstärkten Legitimationsdruck auf das den Modellversuch realisierende Team.
Von Anfang an interessierte weniger das qualitativ Neue an dieser anderen Art psychiatrischer Versorgung, sondern vor allem der Nachweis einer ökonomischen Effizienz, ausgedrückt in der Anzahl der pro Jahr betreuten Klienten, im Rückgang der Einweisungen aus dem Sektor oder der Verlängerung der Intervalle zwischen zwei stationären Aufenthalten. Da sich eine relative Absicherung des Beratungszentrums erst nach der Angliederung an das Psychiatrische Krankenhaus im Frühjahr 1982 in gewisser Weise ergab und die Arbeit immerhin in den ersten drei Jahren durch finanzielle Aushungerung, Drohung des Abzugs von Mitarbeitern etc. gefährdet war, ließ sich eine tiefe Verunsicherung des Teams nicht vermeiden.
Dies führte dazu, daß die Legitimationsforderung zumeist widerstandslos von umübernommen wurde.
Diese anhaltende Nicht-Anerkennung der ambulanten und teilstationären
Arbeit (z.B. die Tagesklinik als wünschenswerte Ergänzung zur stationären Psychiatrie) führte dazu, noch besser, nach differenzierter, nach detaillierter den Umfang unserer Arbeit zu belegen. D.h., da auch wir diesem Quantifizierungsdruck, der elementare Qualitätsaspekte unserer Arbeit außer acht läßt, nach wie vor nicht standhalten können.
Das Einsteigen auf die Argumentationsebene der ökonomischen Effizienz brachte uns erstmals Schwierigkeiten, als wir nach einem Jahr Arbeit einen Vergleich bezüglich Wiederaufnahmen und Behandlungsdauer zwischen unserem Sektor und einem Grazer Kontrollbezirk anstellten: Dabei stellte sich z9. heraus, daß bei den stationären Patienten au unserem Sektor eine längere Verweildauer zu verzeichnen war, und außer einer signifikant geringeren Einweisungsrate der Sektorpatienten mit der Diagnose Suizidversuch konnten wir keine der von uns gewünschten "Effizienzzahlen" aufweisen. lnsbesonders konnten wir natürlich die völlig utopische, aber beharrlich an uns gestellte Forderung der Senkung der Gesamtaufnahmezahl im Psychiatrischen Krankenhaus (Einzugsgebiet gesamte Steiermark ca. 1,2 Mio. Einwohner, südliches Burgenland, östliches Kärnten) nicht nachweisen.
4. Dokumentation
Anspruch: Unser Dokumentationssystem sollte unsere ganzheitliche Denkund Arbeitsweise wiedergeben. Den. es mußte mehr au Diagnose, Plussymptomatik und psychische Defizite enthalten.
Daher werden auch soziale Rückhalte, vorhandene Beziehungen zu Familie, Freunden, Nachbarn etc. und Fähigkeiten erfaßt, um ein abgerundetes Bild des Klienten zu erhalten.
Das ursprüngliche Dokumentationssystem wurde bis auf geringfügige Änderungen (r9. differenzierte Beschreibung der Einkommensverhältnisse) konstant gehalten. Diese Art der Karteiführung garantiert eine differenzierte Beschreibung unseres Klienten über all die Arbeitsjahre hinweg (bis heute 2500 dokumentierte Fälle). Nicht quantifizierbar in einem größeren Maß sind sogenannte Patientenkarrieren, da die Entwicklung der einzelnen Betreuungsfälle nur in einem essayistischen Teil erfaßt wird.
Sozioökonomische Veränderungen m der Steiermark während der letzten sechs Jahre und ihr Einfluß auf marginalisierte Bevölkerungsschichten sind
durch den Vergleich der Analyse der einzelnen Arbtisahre nicht erfaßbar. Sie werden - so sie vorhanden sind - von institutionsimmanenten Änderungen überdeckt. Hier ist zu unterscheiden zwischen von außen hereingetragenen und teaminternen Änderungen. Zu den ersteren zählen vorrangig die Veränderungen h der Trägerschaft des Beratungszentrums (Österr. Gesellschaft für psychische Hygiene, geplante Übernahme durch die Universitäts-Nervenklinik, schließlich Angliederung an das psychiatrische Krankenhaus Graz) mit allen existenziellen Verunsicherungen und Stabilisierungen. Zu den teambezogenen Änderungen zählen die von Zeit zu Zeit vorgenommenen Revisionen von Arbeitszielen und Zuständigkeitsbereichen wie auch die Personellen Veränderungen im Team.
Um dies genauer zu illustrieren sollen einige Beispiele solcher interner Änderungen mit ihren Widerspiegelungen in der statistischen Dokumentation angeführt werden.
Beispiel 1
Während in den Anfängen des Beratungszentrums - beeinflußt durch die Reform der Psychiatrie in Italien - das Hauptziel auf die Reintegration von chronisch hospitalisierten Patienten gerichtet war, wurde aufgrund eigener Überforderung und damit verbundenen resignativen Tendenzen, fehlender flankierender Maßnahmen (keine Bereitschaft von seiten der zuständigen Politiker zur Installierung von Wohnheimen, geschützten Werkstätten und weiteren psychosozialen Zentren) sowie durch stärkere Inanspruchnahme von Personen mit leichteren psychischen Störungen oder mit sozialen Problemen, der Schwerpunkt bald auf Vorsorge und Vermeidung stationärer Behandlungen durch Kurzpsychotherapien und tagesklinische Betreuung gelenkt.
Diese Verlagerumg von Rehabilitation auf Sekundärprävention findet sich in folgenden Statistiken wieder:
a) Zuweisung durch das psychiatrische Krankenhaus:
1978: 3496 1983: 896
b) Erstkontakt im Krankenhaus:
1978: 25% 1983:4%
c) Wohnort im Psychiatrischen Krankenhaus:
1978: 16% 1983: 796
d) volle Entmündigung:
1978: 11% 1983: 1%
e) keine vorhergegangenen stationären Aufnehmen:
1978: 34% 1983: 67%
f) Keine Diagnose:
1978: 16% 1983: 43%
Beispiel 2
Das Beratungszentrum für psychische und soziale Fragen war :m Jahr 1978 als Modellversuch für die Bezirke Gries/Straßgang (das sind die Bezirke mit den größten psycho-sozialen Risikofaktoren, in denen auch die Strafanstalt Kerlen, das psychiatrische Krankenhaus, das geriatrische Krankenhaus, das Asyl und die Prostitution zu Hause sind) konzipiert worden.
Der zunehmende Bekanntheitsgrad, sowie das völlige Fehlen gemeindepsychiatrischer Einrichtungen 'n der Steiermark, damals auch in anderen Bundesländern, führte in der Folge dazu, daß immer mehr unserer Klienten größere Anreisewege auf sich nahmen, um unsere Angebote in Anspruch zu nehmen.
Diese Entwicklung führte im Lauf der Jahre zu vermehrten Schwierigkeiten:
1, sabotierten wir durch die Annahme solcher Klienten unsere eigenen Ansprüche bezüglich gemeindenaher Arbeit (Einbeziehen der Familien, eventuelle Kontaktaufnahme mit Arbeitgebern, Berücksichtigung des gesamten sozialen Umfeldes, Möglichkeit von Hausbesuchen,etc.).
7. blieben andere wichtige Aspekte (z.B.Aufklärungsarbeit in den Modellbezirken, vermehrte Zusammenarbeit mit anderen Institutionen des Bezirkes etc.) unserer Arbeit liegen.
3. erwies sich die Auswertung unseres Arbeitsgebietes bezüglich der Effizienzeinschätzung durch die zuständigen Behörden als hinderlich.
Diese Entwicklung zeigt sich in folgenden Daten:
Herkunft der Klienten
Rechtes Murufer 52% 16% 39%
Linkes Murufer 2% 6% 33%
Steiermark 361g 4596 3196
Österreich 10% 32% 3%
Sollten wir wie bereits 1979 den Nachweis erbringen müssen, daß unsere Sektorarbeit zu einer Verringerung der Hospitalisierungsrate in den Bezirken Gries/Straßgang zur Folge hatte, s würde dies aufgrund unserer Tätigkeit für Klienten anderer Gebiete weniger klar sichtbar werden.
All dies führte zu einer verstärkten Rückkehr zur Sektorarbeit. Der Sektor wurde z auf das gesamte rechte Murufer (8 Bezirke; ca. 150.000 Einwohner) ausgedehnt, dafür wurden potentielle Klienten aus anderen Gebieten nach Möglichkeit wetterverwiesen, wobei eher Grazer als Nicht-Grazer betreut wurden.
5. Über den Nutzen teaminterner Dokumentation
Der früh auftretenden Polarisierung in der Wahrnehmung unserer institutionellen Arbeit - radikale Ablehung durch einige Politiker und in der traditionellen psychiatrischen Versorgung Tätige auf der eben Seite und z.T. unkritische Bewunderung von fast allen, alternativen Bewegungen zugetanen Personengruppen auf der anderen Seite - versuchten wir auf zweierlei Art zu begegnen.
Erstens durch eine fast uneingeschränkte Öffnung nach außen, zweitens durch eine verstärkte innerbetriebliche Dokumentation als Baste einer notwendigen permanenten Reflexion unserer Entwicklung.
Jede Institution, die mit psychosozialer Versorgung betraut ist, steht ständig ,m Spannungsfeld der doppelten Aufgabe psychiatrischer Arbeit - Hilfe. Die damit verbundene Macht kann nur insofern neutralisiert werden, indem sich die "Kontrollierenden" gleichfalls freiwillig einer Kontrolle durch die Öffentlichkeit unterziehen. Um diese zu gewährleisten, reicht es nicht, von Zeit zu Zeit Statistiken zu veröffentlichen, es muß vielmehr möglich sein,
die Begegnungen zwischen professionellen Helfern und deren Klienten selbst zu beobachten und einer kritischen Bewertung zu unterziehen.
Dies geschieht im Beratungszentrum Graz in der seit der Öffnung installierten und beibehaltenen Großgruppe, m der Anrainer, Klienten, Betreuer und andere an der psychiatrischen Praxis interessierte Personen wöchentlich für 1 I/7 Stunden zusammentreffen und miteinander sprechen. Aus demselben Grund bemühen wir uns um die zeitlich begrenzte Mitarbeit von Arbeitsmarktförderungspraktikanten, in Ausbildung Stehenden und Zivildienern.
Sie haben nicht nur die Möglichkeit, in teilnehmender Beobachtung unsere Arbeitspraxis; wahrzunehmen, sondern auch uneingeschränkten Einblick in alle teaminternen schriftlichen Unterlagen (wie z.8. Teamsitzungsprotokolle, Jahresberichte etc.) sowie h das Teamgeschehen überhaupt (z.8. durch Teilnahme an Teamsupervision).
Das Selbstverständnis des Teams umfaßt ein Engagement an mehreren Fronten. Neben dem Anspruch, qualitativ gute Versorgungsarbeit zu leisten, besteht der Wunsch durch mehr GemeInwesierarIbeit im Sektor das Selbsthilfepotential Bevölkerung zu stärken. Neben unserem zähen und Langjährigen Kampf um eine Reform der psychiatrischen Versorgung in der Steiermark, besteht auch gleichzeitig das Bewußtsein ebner Verpflichtung, auf eine mögliche Bürokrathierung und Entartung der potentiellen Reform zu einem noch effizienteren Kontrollinstrument von Randgruppen permanent aufmerksam zu machen. Hinzu kommt noch unser Anspruch (s.o.), nicht nur nach unseren Möglichkeiten psychosoziales Elend zu vermindern, sondern auch unsere Erfahrungen bezüglich ihrer sozioökonomischen Verursachungsmechanismen öffentlich aufzuzeigen. Die Summe dieser Ansprüche bezogen auf eine Zeit, in der das Interesse an sozialen Reformen empfindlich gesunken ist, kann auch zu einer Quelle wachsender Entmutigung und Stagnation werden.
Um dieser Gefahr entgegenzuwirken, um unsere Ansprüche auf ein realistisches Maß zu reduzieren ohne sie gleichzeitig ganz fallen zu fassen, um also eine bestimmte Arbeitshaftung beibehalten zu können, ohne uns ständig an der Grenze der Oberforderung zu bewegen, ist es notwendig, eine gut geführte innerbetriebliche Dokumentation zu haben.
Das bedeutet im einzelnen:
- Gemeinsam formulierte Zielvorstellungen festzuhalten und zu einem
späteren Zeitpunkt noch einmal auf ihre Sinnhaftigkeit bzw. Realisie
rung hin zu überprüfen.
- Das durch die zu knappe Arbeitskapazität bedingte Pendeln zwischen
Arbeit nach außen (politische Arbeit, Öffentlichkeitsarbeit etc.) und
klientenbezogener Arbeit permanent auszutarieren, u einseitige Ent
wicklungen rechtzeitig abstoppen zu können.
- Unsere Haltung und unser Engagement bezüglich einer Neustruktu-
rierung der psychosozialen Versorgung laufend zu überprüfen.
- Verbindlichkeiten bezüglich interner Geschäftsordnung festzuhalten und
Vorstellungen über äußere Organisationsformen (Departrkentsmatus,
Kuratorlumslösung etc.) zu konkretisieren bzw. ihre Realisierung zu
verfolgen.
- Die eigene Geschichte zu schreiben, um eine Entwicklung verfolgen und
Zeichen von Stagnation erfassen zu können.
6. Noch einmal Ansprüche
Wenn wir unsere zu Beginn genannten hohen Erwartungen an die Dokumentation und Forschung (daß sie uns helfen soll, ..J nicht au völlig überhöht, hoffnungslos idealistisch und umeinlösbar abschreiben wollen, müssen wir uns zunächst einmal klarmachen, daß wir kein Forschungsinstitut sind, daß wir dringend auf ahne gute Zusammenarbeit mit professionellen kritischen SozIalwissenschaftlern angewiesen sind.
Wir würden die Vereinheitlichung von Dokumentationssystemen aller einschlägigen Einrichtungen begrüßen, weil wir uns davon erhoffen, systematische Vergleiche anstellen zu können.
Wir sollten dringend katamnestische Untersuchungen durchführen; wir sollten kritische Untersuchungen unserer Art von Teamarbeit, unserer Beratungs- und Betreuungsstile, unserer therapeutischen - und Gemeinwesenpraxis durchführen lassen - und zwar von Forschem, die weder dem Legitimationsdruck der zuständigen Gesundheitsbehörden unterliegen, noch im Team selbst integriert sind.
Und wir sollten uns mit einigen grundsätzlichen Fragen beschäftigen, die wir bisher in vielleicht naiv-idealeitischer Weise vernachlässigt haben:
Welche gemeinsame Baste haben die praktisch in der psycho-sozialen Versorgung Arbeitenden und die Wissenschaftler/Forscher?
Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Erkenntnisinteresse und politischer Veränderung?
An welche Adressaten wenden sich Forschungsergebnisse? Gibt es am öffentliches Interesse an kritisch-sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen, die aus der psychosozialen Versorgung gewannen werden können?
- 'Gibt es überhaupt Beispiele dafür, daß Forschungsergebnisse nützliche Mittel sind für ehe offene, auf Strukturreformen zielende Sozial- und Gesundheitspolitik?
Aufgefordert, fünfeinhalb Jahre später diese Arbeit noch einmal in Bezug auf
Veränderungen zu diskutieren, erscheinen uns folgende Ergänzungen angebracht:
Zur ersten Hypothese:
Während der vergangenen Jahre haben wir als Team mehr innere Stabilität,
klareres Selbstverständnis und größere Rollensicherheit gewonnen. Wir
definieren unsere Arbeit weniger im Gegensatz zu traditionellen Formen der
Psychiatrie, sondern haben eine eigene psychosoziale Kultur und Tradition
entwickelt.
Zur zweiten Hypothese:
Die Verlagerung des Konfliktes "Hilfe Versus Kontrolle" scheint von außen
nach innen erfolgt zu sein. Der Anteil der von uns veranlaßten
Zwangseinweisungen ( insgesamt 5 in den 12 Jahren ) scheint geringfügig gegenüber
den BZ-internen verhaltenskontrollierenden Regeln. So wurde die Forderung nach
Gewaltverzicht im BZ insofern ausgedehnt, als wir nicht nur die Anwendung von körperlicher
Gewalt sondern z.B. auch wiederholte verbale Gewaltandrohungen mit befristetem
Ausschluß von Gruppenveranstaltungen sanktionieren.
Wir bekennen uns heute stärker zur Professionalität und stehen allen primär
an Laienhilfe orientierten psychosozialen Versorgungsmodellen äußerst
skeptisch gegenüber. Im Lauf der Jahre haben wir erfahren, daß Professionalität
kein unüberbrückbares Hindernis im Kontakt mit Klienten schafft, sondern
diesen im Gegenteil eher entängstigt. Der Anspruch einer demokratischen
Teamarbeit führt nicht mehr zur Angleichung der Professionalität nach unten
durch Negation der Unterschiede, sondern nach oben durch Ausweitung und
Vertiefung des Wissensstandes aller Teammitglieder.
Zur dritten Hypothese:
Alle beschriebenen Phänomene gelten auch heute noch, wenn auch in abgeschwächter
Form. Die Definition von Zielen, sowie die Einschätzung unserer Mittel zu ihrer
Erreichung orientieren sich heute stärker an der Realität unseres
Arbeitsalltags, was zu einem liebevolleren Umgang mit uns und unseren Klienten
geführt hat. Wir verstehen uns mehr als Begleiter und Helfer, denn als Löser
oder gar Erlöser und wir glauben auch nicht mehr, optimale Arbeit leisten zu können,
wenn wir theoretisch und praktisch besser und politisch durchsetzungsfähiger wären.
Dieser Prozeß der Desillusionierung hat zu einer Verringerung von Schuldgefühlen
und von "burned-out"-Phänomenen geführt.
Zu "Entstehung der Ansprüche ( und deren Veränderung )"
Die in diesem Kapitel formulierte globale Kritik an unseren Kollegen im stationären
psychiatrischen Bereich scheint aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr
gleichermaßen haltbar zu sein. Im Jahr 1988 gab es eine von allen diesttuenden
Ärzten des LSKH Graz getragene Protestaktion gegen die Patienten betreffenden
restriktiven Vorstellungen des Krankenhausträgers. Damit solidarisierten sich
die Ärzte eindeutig mit den ihnen anvertrauten Patienten. Diese Aktion rief ähnliche
Reaktionen i der Krankenhaushierarchie hervor ( Androhung und Einleitung
dienstrechtlicher Maßnahmen ) wie wir sie selbst bereits als Folge eigener Öffentlichkeitsarbeit
kannten ( Maulkorberlaß in Form von Publikationsverbot, - dem wir nicht Folge
leisteten ).
Darüber hinaus scheint jeder einzelne Psychiater im LSKH die Möglichkeit zu
haben, weitgehend die Form der Behandlung zu wählen, die er vor sich, seinen
Patienten und der Gesellschaft vertreten kann.
Mit unseren Ansprüchen, "die Prozesse und Entstehungszusammenhänge der
Individualisierung und Privatisierung sichtbar zu machen", "durch die
Darstellung unserer Erfahrung Widerstand zu leisten", scheinen wir hingegen
Schiffbruch erlitten zu haben. Trotz jahrelanger Reflexion und Dokumentation
unserer Arbeit ist es uns nicht gelungen psychosoziale Zusammenhänge
so extrahieren und darstellen zu rönnen, daß wir qültige Aussagen darüber treffen können. Das feine Netz gesellschaftlicher Zusammenhänge und psychiatrischer Karrieren scheint sich unserem noch immer groben Dokumentationsraster zu entziehen. Fiese Erkenntnis hat dazu geführt, daß wir weniger versuchen unsere Erfahrungen zu veröffentlichen als unsere Arbeit öffentlich zu machen ( siehe ''Über den Nutzen teaminterner Dokumentation" ). Darüberhinaus scheint ein realisierbarer und ausreichender Anspruch innerhalb unserer Arbeit zu sen, den Patienten und Klienten respektvoll zu begegnen, dieser Begegnung uns dem Gespräch a15 solchem Wert beizumessen und den Menschen behilflich zu sein, sich die jeweils eigene Geschichte wieder anzueignen.