Aus dem Beratungszentrum für psychische und soziale Fragen
8020 Graz, Granatengasse 4/I



Gert LYON

 

Eine kurze Beschreibung des
Beratungszentrums für psychische und soziale Fragen


Oktober 1998

 


INHALT

1. Zur Geschichte des Beratungszentrums

2. Organisationsform

2.1 Die Aufgabenbereiche

2.2 Vemetzungsübersicht

3. Ambulanz

3.1 Leistungsüberblick

3.2 3 Gruppen von Ratsuchenden

4. Tagesklinik

4.1 Funktion der Tagesklinik

4.2 Die Tagesklinik im Beratungszentrum, Granatengasse

5. Zur Arbeitsweise

5.1 Team-Arbeit

5.2 Zum Umgang mit Patienten

5.3 Zum politischen Selbstverständnis

 



1. Zur Geschichte des BZ

Gegründet wurde das Beratungszentrum im Frühjahr 1978 als erster gemeindenaher, psychosozialer Dienst in Österreich.
Die Pionierphese war geprägt von den ganz neuen Erfahrungen mit der ambulanten Behandlung von Psychosekranken in der Tagesklinik mit der Entwicklung psychosozialer Versorgungskonzepte und deren Erprobung und Umsetzung in die Praxis.
Seit 1982 ist das Beratungszentrum als Ambulatorium des LNKH Teil des öffentlichen Gesundheitswesens.

2. Organisation

Wir orientieren unsere Arbeit an 2 gesundheitspolitischen Ideen:

  1. Gemeindenähe - das BZ-Granatengasse ist zuständig für die Grazer Bezirke des westlichen Murufers (ein städtischer Bereich mit erhöhtem psychosozialen Risiko und damit verbunden erhöhten Inzidenz- und Prävalenzzahlen, ca. 150.000 EW);
  2. Integration von Vorsorge, Behandlung und Nachsorge.

Leiter des Beratungszentrums ist ein Facharzt für Psychiatrie und Psychoanalytiker. Alle wichtigen Entscheidungen über Schwerpunkte und Ausgestaltung der Arbeit werden im Team der 11 hauptamtlichen Mitarbeiterinnen getroffen.

Die Öffnungszeiten: Mo - Fr 9h -16h
  Mi 9h-18h
  Sa 9h -12h (nur Joumaldienst)

In diesen 40 Stunden/Woche können Ratsuchende telefonisch ein Anliegen klären bzw. einen Gesprächstermin vereinbaren oder persönlich ins BZ kommen.
Nach Klärung der Dringlichkeit ("Krisendiagnose") bemühen wir uns ohne Wartezeit ein ausführliches Gespräch von etwa 1 Stunde zu ermöglichen.
Ob und welche weiteren Gespräche oder andere Hilfen wie z.B. Tagesklinikbehandlung, Familientherapie oder eine Zuweisung zu anderen psychosozialen Einrichtungen angebracht sind, hängt von der Fragestellung bzw. der Problemlage der BenützerInnen ab.

Da wir die Freiwilligkeit der Inanspruchnahme unserer Hilfen für unverzichtbar halten, wird das Ausmaß, die Dauer und Art der weiteren Kontakte gemeinsam mit dem jeweiligen Klienten gestaltet. Wir achten auf Verschwiegenheit und sorgfältigen Datenschutz und respektieren im Einzelfall auch den Wunsch nach anonymer Beratung.

Für die Benützerinnen entstehen aus der Inanspruchnahme des BZ in der Regel keine direkten Kosten. Abrechnungsmöglichkeiten bestehen seit kurzem für die Tagesklinikbehandlung, seit längerem für die psychotherapeutischen Leistungen des Beratungszentrums; was fehlt, sind kosten- und leistungsorientierte Abrechnungsmöglichkeiten der vielfältigen sozialtherapeutischen Betreuungs- und Behandlungsleistungen.


2.1 Die Aufgabenbereiche

Tagesklinik

 

Ambulanz

 I. direkte am Patienten/Klienten erbrachte Leistungen

- medikamentöse
- psychotherapeutische
- soziotherapeutische Leistungen:

- Arbeit
- Wohnen
- Freizeit
- Organisatorische Hilfen

II. indirekte Leistungen
Fallbesprechungen, Helferkonferenzen, Supervision, Befunde etc.

III. Planung, Organkation, Verwaltung, Selbst-Kontrolle

IV. Öffentlichkeitsarbeit

V. Ausbildungsaufgaben (Betreuung von Propädeutikum-, Fachspezifikum-, Psychologie-, Sozak- und LNKH-Praktikanten)

 

2.2 Vernetzungsübersicht

Übersicht der Vernetzung
mit anderen "helfenden Institutionen"


3. Ambulanz

3.1 Leistungsüberblick: Hier soll nur ein kurzer Überblick Ober die Ambulanzleistungen gegeben werden

 

3.2 3 Gruppen von Ratsuchenden:

Um Übersicht über das breite Spektrum von Anliegen zu bekommen, die in der Ambulanz an uns herangetragen werden, kann man eine einfache Unterscheidung von 3 Gruppen von Ratsuchenden vornehmen

  1. Klienten ohne Diagnose, z.B. Angehörige von psychisch Kranken, Menschen, die vorwiegend reale soziale Hilfen brauchen etc.
  1. Personen mit psychischen Erkrankungen, die noch keine stationäre psychiatrische Behandlung in Anspruch nehmen mußten und die das BZ vorwiegend wegen Beratungsgesprächen oder Einzeltherapien aufsuchen und
  1. bei Klienten, die schon ein- oder mehrmals im psychiatrischen Krankenhaus wem, sind in manchen Fällen zusätzlich zur Einzeltherapie und medikamentöser Behandlung eine Tagesklinikteilnahme oder andere sozialpsychiatrische Maßnahmen indiziert.

 

4. Tagesklinik

4.1 Funktionen der TK

  1. Alternative zum Krankenhaus, Vermeidung stationärer Aufenthalte;

  2. Nachbehandlung von Patienten nach einem stationären Aufenthalt;

  3. Behandlung primärer und sekundärer Krankheitsschäden bei chronisch psychisch Kranken.

Die Tagesklinik-Behandlung kann auch als eine Kombination von

  1. Therapie (Einzel- und Gruppenpsychotherapie, Medikamente)

  2. Beschäftigung (in der Werkstatt)

  3. Aktivierung (Musik, Tanz, Bewegung, Rollenspiel, Schwimmen, Ausflüge)

  4. Erholung

beschrieben werden.


4.2 Die TK im BZ Granatengasse:

In der TK in der Granatengasse wird großer Wert gelegt auf:

Das Team stellt durch seine Standfestigkeit und Flexibilität als eine Art Container zur Verfügung, der in psychotischen Krisen als "Behältnis des versprengten Ich" und als Hilfe bei der nötigen 'Selbstentgirftung' dient.

Durch die gesamte Struktur des TK-Programms und den Schwerpunkt der Beschäftigungstherapie wird eine arbeitsähnliche Situation in einem geschützten Klima hergestellt. In diesem Rahmen sollen die jeweils individuellen Grenzen bezüglich Unterund Überforderungen ausgelotet und ein sinnvolles Maß gefunden werden zwischen notwendiger Stützung und zumutbarer Belastung.

Die psychotherapeutische Arbeit vollzieht sich sowohl in den regelmäßigen Einzelgesprächen mit der die Betreuungskontinuität repräsentierenden Bezugsperson als auch in den therapeutischen Gruppen bzw. in der familienähnlichen Struktur der therapeutischen Gemeinschaft.

Zur Aktivierung: Tageskliniken werden auch als Lebensschulen bezeichnet. Gerade bei Patienten mit chronisch rezidivierenden Erkrankungen müssen verschiedene Fähigkeiten wie z.B. der Umgang mit Geld, Einkaufen, Ämterbesuche etc. häufig (wieder) erlernt werden. Ziel ist das Erreichen größtmöglicher Selbständigkeit. Dabei haben sich auch Reisen und Ausflüge sehr bewährt. Dreimal jährlich finden einwöchige Reisen statt (eine davon ins benachbarte Ausland), 14-tägig ein Tagesausflug.

 

5. Zur Arbeitsweise

5.1 Teamarbeit

Hauptamtlich arbeiten 11 Personen im Team; neben der Grundausbildung als

haben fast alle Mitarbeiterinnen unterschiedliche Zusatzausbildungen absolviert.

9 von uns sind zur freien Berufsausübung z.B. als Fachärztln, Psychotherapeutln, Klin. und Gesundheitspsychologln, Supervisorln oder Sozial- und Lebensberaterin qualifiziert. Weiters arbeiten als Konsiliarkräfte Musik-, Bewegungs-, Tanz- und TheatertherapeutInnen, regelmäßig Zivildiener und gelegentlich auch eherenamtliche Helferinnen im Beratungszentrum.

Wir sind um eine Kultur der Teamarbeit bemüht, in der die Mitarbeiterinnen ihre Kompetenzen entwickeln und entfalten können. Ein Team mit einer 'flachen' Hierarchie, das einen Arbeitsstil und ein Arbeitsklima pflegt, das es den einzelnen Mitarbeiterinnen ermöglicht, ihr fachliches und persönliches Potential im Sinn der Aufgabenerfüllung zu nützen und eigenverantwortlich und gleichberechtigt einen Beitrag zur Gesamtarbeit zu leisten. Arbeitszufriedenheit der Mitarbeiterinnen ist aber nicht nur ein Selbstzweck, sondern auch ein wesentlicher Faktor für die Sicherung der Ergebnisqualität. Größtmögliche Autonomie in der Ausgestaltung des je eigenen Arbeitsbereichs und-Stils und gegenseitige Anerkenmmg im multiprofessionellen Team waren zu erlernet und sind die ständig zu kultivierenden Voraussetzungen sowohl für wirksame Teamarbeit als auch für eine echte, solidarische und respektvolle Grundhaftung jedem hifesuchenden Menschen gegenüber. Hilfreich zur Entwicklung dieser Haltung war und ist die gegenseitige Unterstützung und solidarische Kritik, das gemeinsame Lernen und der lebendige Austausch mit Kollegen, ausländischen Gästen, Praktikanten, Zivildienem, ehrenamtlichen Helfern etc.

5.2 Zum Umgate mit den Patienten/Klienten

"Jedem psychiatrischen Problem liegt zugrunde, daß ein Mensch und seine Angehörigen, Gefühle von Angst, Schmerz, Verunsicherung, die ein Lebensproblem anzeigen, nicht nutzen sondern abwehren." (K Dörner, U. Ploog: Irren ist menschlich)

"Nach unserem heutigen Wissen bedeutet Schizophrenie in den meisten Fällen die besondere Entwicklung, den besonderen Lebensweg eines Menschen unter besonders schwerwiegenden inneren und äußeren disharmonischen Bedingungen, welche Entwicklung einen Schwellenwert Oberschritten hat, nach welchem die Konfrontation der persönlichen inneren Wett mit der Realität zu schwierig und zu schmerzhaft geworden ist und aufgegeben worden ist" (M. Bleuler: Briefwechsel mit K Dömer)

 

Für unseren Umgang mit Patienten und Angehörigen ergibt sich aus diesen 2 Zitaten:

Weil (psychotische) Symptome immer auch als sinnvoll zu sehen sind, kann es nicht unsere Aufgabe sein, sie technisch wegzurationalisieren. Wir können höchstens mit Hilfe anderer Maßnahmen bewirken, daß diese Symptome mehr oder weniger überflüssig werden.

Deshalb Ist unser Angriff auf die Symptome - mit Psychopharmaka, mit Psychotherapie oder mit Soziotherapie nur in dem Maß gerechtfertigt, wie dadurch der Druck der Symptome so gemildert wird, daß der Patient ausreichend kommunikationsfähig wird, um selbst seinen Schmerz wieder erträglicher zu machen und die Vereinheitlichung von Innen und Aussen neu zu wagen. Und weil psychotische Symptome immer auch als Ergebnis der Abwehr einer unerträglich gewordenen Angst zu sehen sind, geht es um die Wiederherstellung der bekannten Einsicht, daß Angstwahrnehmung ein lebenswichtiges Sinnesorgan darstellt, das auf eine Bedrohung aufmerksam macht.

Unsere Aufgabe ist es, aureichend gute Bedingungen herzustellen, die es ermöglichen, auf die Angst zuzugehen, auf sie zu hören, was sie uns mitzuteilen hat, um nicht gegen die Angst, sondern die von ihr mitgeteilte Bedrohung vorzugehen. Das kann nur im Dialog, im Trialog, in Gesprächen mit allen Beteiligten gelingen - und zwar in einer Haltung der gegenseitigen Anerkennung und des Respekts.


5.3 Zum politischen Selbstverständnis

Zur Identität des BZ gehört auch, daß wir uns zu gesundheits- und sozialpolitischen Themen zu Wort melden. Freilich haben wir einsehen gelernt, daß viele unsere Forderungen, z.B. die nach der völligen Gleichstellung psychisch Kranker mit allen anderen kranken Menschen, oder die nach einer umfassenden Psychiatriereform nur in zähen politischen Auseinandersetzungen errungen und verwirklicht werden können.