Aus dem Beratungszentrum für psychische und soziale Fragen
8020 Graz, Griesplatz 27


 

STELLUNGNAHME DER MITARBEITER DES BERATUNGSZENTRUMS, GRIESPLATZ, 8020 GRAZ ANLÄSSLICH DES 7. WELTKONGRESSES FÜR PSYCHIATRIE IN WIEN 1983


In Wien findet der 7. Weltkongress für Psychiatrie statt und aus diesem Anlaß werden von wesentlichen Experten in ungewöhnlicher Schärfe Proteste gegen den Mißbrauch der Psychiatrie in der Sowjetunion geäußert.

Wir begrüßen alle kritischen Äußerungen, welche gegen die Anwendung sogenannter psychiatrischer Behandlung politisch mißliebiger Menschen gerichtet sind. Zugleich halten wir es für notwendig, auf die schwerwiegenden Psychiatrieprobleme in unserem Land hinzuweisen, welche von vielen der am Weltkongress tagenden Experten wenn überhaupt so nur halbherzig aufgezeigt, viel eher aber kollektiv verdrängt werden:

1. Psychiatrie hatte und hat immer neben ihrer Funktion kranken Menschen zu helfen soziale Kontrollfunktion.
Niemals und nirgends gibt es einen medizinisch autonomen Krankheitsbegriff, - immer sind in den Diagnosen und Behandlungen der Psychiatrie auch die Normund Wertvorstellungen der jeweils vorherrschenden Ideologien wirksam.
Die Psychiatrie ist mitverantwortlich für die bis zu Vernichtung von zehntausenden kranken Menschen reichenden Verbrechen der Nazizeit, wie auch für die gegenwärtige drastische Feha- und Mangelversorgung, und teils immer noch menschenunwürdigen Zustände in unseren psychiatrischen Anstalten.

2. Das Festhalten an einem naturwissenschaftlich-medizinischen Verständnis von Psychiatrie geht einher mit der Verleugnung der sozialen, ökonomischen und politischen Dimensionen, mit denen Psychiatrie immer konfrontiert ist.

3. Im Zusammenhang mit der wachsenden Kriegsgefahr, mit atomarer Bedrohung, mit weltweit krisenhafter technisch-ökonomischer Entwicklung mit wachsenden Arbeitslosen zahlen spitzen sich auch die sozialen Auseinandersetzungen zu. Dabei werden wir alle in der Psychiatrie Arbeitenden zunehmend vor die Entscheidung gestellt:
- entweder im Dienst der herrschenden Minderheiten soziale Kontrolle auszuüben, durch Ausgrenzung, Vereinzelung und Disziplinierung zur Entpolitisierung und Demoralisierung beizutragen, oder
- im Dienst der Friedenssicherung und der Verteidigung menschlicher Grundwerte unseren Beitrag zu leisten.

Voraussetzung für die Glaubwürdigkeit der Kritik am Mißbrauch der Psychiatrie in der Sowjetunion ist die Bereitschaft, eigene Standpunkte zu kritisieren.

 

Wir appellieren an alle in der Psychiatrie Tätigen:
+ die Kritik an den Zuständen der Psychiatrie in unserem Land nicht zu unterdrücken
+ anstatt die Rolle der Experten für gesellschaftlich bedingtes menschliches Leid unreflektiert zu übernehmen und damit zur Verschleierung sozialer Mißstände beizutragen, sollten wir die politische Dimension unserer Arbeit aufgreifen und uns solidarisch in die Gestaltung des politischen Lebens einmischen.

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