Aus dem Beratungszentrum für psychische und soziale Fragen
8020 Graz, Granatengasse 4/I



Max GAD

Wahnsinniger Alltag - alltäglicher Wahnsinn

Festrede
zur 20-Jahr-Feier des

Beratungszentrums 
für psychische und soziale Fragen

 

15. Mai 1998

 


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Ich begrüße Sie, geehrte Damen und Herren, sehr höflich mit einem sprichwörtlichen Rat aus Irland : "Wenn du ein zweiköpfiges Schwein siehst, dann halt den Mund."

Die Volksweisheit weiß, daß man für außergewöhnliche Mitteilungen für gewöhnlich in des Teufels Küche kommt. Sie empfiehlt Vorsicht. Sie empfiehlt, sich stillschweigend an die Konventionen der Mehrheit zu halten, mögen diese fragwürdig sein oder falsch. So falsch von mir aus wie der Eisengehalt im Spinat, der aus einem falsch getippten Komma kommt. Egal. Und wenn es heißt, daß Wasser bei 100 Grad Celsius koche, ist das selbstverständlich falsch, sobald man es auf der Höhe des Montblanc siedet. Egal. Seit eh und je spricht die Menschheit von Sonnenauf- und Sonnenuntergang - ein blanker Unsinn seit Kopernikus, wo wir doch gelernt haben : da dreht sich was und da geht überhaupt nichts auf noch unter. Dieses zweiköpfige Schwein allerdings sehen wir alle und sehen es gern und singen auch gern davon.
 

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Um das Leben nicht zu komplizieren und tunlichst auf das angenehmste aufzufallen, halten wir uns an ein Gemenge aus Konvention und Tradition und aus Experten-Postulaten. So meinte der deutsche Physiker Johann Christian Poggendorf, Erfinder des Spiegelmanometers, Sprache auf elektrischem Weg zu übertragen sei unmöglich. Die Idee des Telefons fand er 1860 noch abstrus und - ich zitiere - "ebenso mythisch wie das Einhorn". Das amerikanische millionenschwere Wirtschaftsgenie Joseph Morgan sah nach Graham Bells Demonstration des Telefons "keine kommerzielle Verwertung" für dieses Ding Und im angesehenen Wissen-schaftsjornal New Scientist schrieb der angesehene Sir Harold Spencer Jones im Jahre 1957, es würden noch viele Generationen vergehn bis zum Mondflug. 12 Jahre, Sir.
 

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Ich führe das nicht an, um mich lustig zu machen über Experten, die irren. Es erinnert, daß man zu falschen Schlüssen kommen kann nach bestem Wissen und Gewissen. Und außerdem, daß es ein richtiges Leben im falschen offensichtlich sehr wohl gibt in der Praxis. Der Widerspruch stört nicht, so lang er nicht schmerzt.

Und damit zum Anlaß des heutigen Feierns. Schmerzhaft falsch war vor 20 Jahren einigen Pionieren in diesem Land, in dieser Stadt, auf diesem verkommenen Ufer unser Umgang mit den so genannten Geisteskranken. Dazu gehörte die Analyse der Verhältnisse und die Erkennt-nis : Wie es ist, darf es nicht bleiben. Dazu gehörte ein Sprung über den Schatten eigner All-machts-Phantasie. Ein Abschied von der Illusion : Ich, der doctus, werde es schon richten. Die Einsicht : Nicht der Arzt heilt die Kranken. Von dem Elend zu erlösen können die nur selber tun. Dafür besannen sich die Therapeuten auf das sie trefflich beschreibende Stammwort "therapon" - und das heißt "Gefährte". In einer Phase, da in Wien am Mega-AKH gebaut wurde, zu predigen, die Therapeuten müßten unter die Gemeinde - ein Schwimmen gegen den Zeitstrom. Und im Land der Hierarchie auf Pracht und Macht des weißen Mantels zu verzichten, das allein schon ein terroristischer Anschlag auf Dünkel, die sich Standesehre nennen. Im Land der autoritären Geschichte und allgegenwärtiger Affinität zum Faschismus, das sich bis auf den heutigen Tag als gelegentlich aufgeklärtes Fürstentum erweist, auf Team-Arbeit zu setzen, schien absurd. Im Land, wo Bürger und erst recht die Kranken ewig warten können müssen, drauf zu drängen, daß man sofort zur Stelle ist, weil Krisen auch nicht warten, muß in der Büro-kratie Kopfschütteln verursacht haben. Im Land der Zwangseinweisungen Freiwilligkeit zu postulieren, war vielen unverständlich, gar bedrohlich.
 

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Was damals noch war : Aldo Moro wurde ermordet und Woytila gewählt. Im Camp David der Handschlag zwischen Sadat und Begin. Kraft seines Handschlags wurde Muhamad Ali Welt-meister, zum dritten Mal, trotz des Gesetzes "They never come back". Reinhold Messner war auf 8848 Metern oben, und die Luft ist ihm nicht ausgegangen. "Das gibt´s nicht," hatten zuvor die Ärzte gesagt. Ob er auf dem Mount Everest Wasser gesiedet und, wenn ja, bei wieviel Grad es gekocht hat, weiß ich nicht. Ich weiß, daß er seinen Bergkameraden, als sie allesamt an Durchfall litten, kein einziges Blättchen von seinem Klopapier abgeben wollte. Von diesem Gipfelstürmer wurde die Theorie gelernt, die heute zur Anwendung kommt : Du schaffst es zur Spitze, wenn du Hab und Gut mit den beschissensten deiner Brüder nicht teilst.
 

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Hier unten in Österreich wurden wir verrückt vor Freude. Hatten Kreisky, den wählten wir sonst, die Zwentendorf-Niederlage serviert. Als wär´ dies nicht genug an Glück, schlugen wir Deutsch-land 3:2. Justizminister Broda träumte von einer gefängnislosen Gesellschaft. Wir träumten mit und dachten irgendwie, wenn man nur lieb ist zum Verbrecher, wird er so ein feiner Kerl wie ich selber einer bin. Alles Gute schien machbar und es gab nur Gelegenheiten, das Richtige zu tun: Sonnenkollektoren bauen, über Schulmodelle diskutieren, bei Amnesty mitmachen und gegen den SS-ler Friedrich Peter demonstrieren, im Dritte-Welt-Laden einkaufen, aber keine Ananas aus Südafrika. Dann die Überlegung : Mach ich Zivildienst, gibt es mindestens ein Gutes - die Welt hat einen Soldaten weniger. Bei der Rettung lernte man jenes Einfache, das so schwer scheint : den unverkrampften Umgang mit Behinderten. Zuvor hatte man nie recht gewußt : Be-leidige ich ihn, wenn ich Hilfe anbiete oder beleidige ich ihn, wenn ich es lasse. In den laby-rinthischen Schluchten der Spitalsapparate, wo man krankes Frachtgut tauschte gegen einen Stempel auf dem Transportschein, die Erfahrung : Du erreichst, was du brauchst, meist hinter der Tür mit der Aufschrift "Eintritt verboten". 1978 starb neben Jaques Brel und Kurt Gödel und Giorgio de Chirico auch Margret Mead. Damals wußten wir nicht, daß ihre kulturanthropologi-schen Protokolle aus dem Paradies auf Erden zurechtgelogen sind. Waren, darin kaum anders als andere Generationen in ihrer entsprechenden Zeit, empfänglich für die Lüge, wenn sie nur das Paradies skizziert. Hatten das Glück, daß dieses Bild des Paradieses - anders als bei unsern Vätern - nicht mit Blut gezeichnet wurde.
 

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Das "Beratungszentrum für psychische und soziale Fragen" begann am Griesplatz, seit jeher Ort der Verkommenen und Verhurten, der Allein- und Übrig- und ohne Arbeit Gebliebenen, der Abhängigen und Durchgeknallten, der in die Aussichtslosigkeit gestellten und Verbannten, der Sprachlosen und der lauthals Räsonnierenden. Hier stand 1724 das erste Armenhaus der Stadt. Und damals, die political correctness war noch nicht erfunden, hieß die Idlhofgasse ganz ohne Heuchelei die Elendgasse. Gut 50 Jahre später wurde in der Stadt das erste Tollhaus erbaut. An jenem Platz genau, wo seinerzeit der Grazer Ferdinand II., unser mörderischer Beitrag zum 30-jährigen Krieg, Bücher ketzerischen Inhalts verbrennen hatte lassen. Wirklich toll. Mit diesem Bau endete eine Zeit, da der Narr ins Alltagsleben eingebunden war und heilig. Heute ist uns nichts heilig als der Aktien-Index.
 

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Wenn Schizophrenie die unangemessene Beziehung zur Wirklichkeit ist, war ich schizophren : Lebte im Glauben, einen Panzer aufhalten zu können, wenn ich mich davorsetze. Daß er bremst, war tatsächlich meine Überzeugung. Die Wirklichkeit nicht nur von Vietnam hätte mich eines besseren belehren können, nämlich Böseren. Aber die Belehrung sollte erst über den Balkan kommen, angesichts der Greuel mit der Wucht einer totalen Depression. In dieser Hinsicht also war ich damals blind auf beiden Augen und sonst überhaupt sehr guter Dinge.
Angesichts der Ölpest vor Bretonien, der Atomaren Technologie und der politischen Stimmung nach dem Deutschland im Herbst war ich umstellt von den Szenarien des Schreckens. Zugleich lehrte ich mein Kind das alte Lied : Schön ist die Welt, drum Brüder laßt uns reisen. Und wir hatten viel zu lachen miteinander.
 

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Im rauhen Griesplatz-Klima suchten und suchen die Leute vom "Beratungszentrum" die not-wenigen Balancen. Gottlob verknüpften sie Visionen mit dem Pragmatischen. Den Traum mit Disziplin. Die Illusion mit Forderung des Alltags, der Bürokratie, der Trägheit. Stellten das Gewollte in das Machbare und machten es möglich. Hatten aus Basaglias Italien die Parole übernommen : Freiheit heilt ! Fragten sich aber sehr nüchtern, wie da tun. Hatten stur wie die Esel zu sein und schlau wie die Schlangen, brauchten Elefantenhaut und die Wachsamkeit des Luchses. Diesem ganzen Zoo meine Reverenz. Sie wollten auch nicht, wie so mancher damals in der postrevolutiönchenhaften Zeit, den Wahnsinn mit poetischer Romantik vor irgendwelche Karren von Ideologien spannen. Sahen in Krankheit kein Potential zur Rebellion, sahen Leiden, Einsamkeit, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit. Der Welt können sie nicht helfen, vielleicht der Welt des einen Menschen, der vor ihnen sitzt, den beachtlichen Schritt vollbracht hat zu kommen und zu sagen : "Ich schaff es nicht allein, ich brauche deine Hilfe !" Sie gaben Hilfe nur zu Selbsthilfe. Dieses einsilbige "nur" kann größer kaum sein und rettet Leben. Sie lernten, was nicht leicht ist, auf das Mitleid zu verzichten, aber nie auf Achtung und die Solidarität. Lernten, miteinander und mit sich selber neu umzugehen. Das war nicht leicht und hat Wunden ge-schlagen. Der Weg ging auch durch eigne Hilfsbedürftigkeit, Resignation, durch Überforderung und Übermüdung. Wenn die Leute vom Beratungszentrum ein Bißchen von dem Guten zurückbekommen, das sie gegeben haben und geben, dann kriegen sie viel.
 

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Hätte wer vor 20 Jahren prophezeit, daß aknegeplagte 18-jährige an den Grenzen dieses schönen Landes Jagd machen werden auf tamilische Frauen und Kinder, mit dem Gewehr in der Hand, ich hätt´s für abstruser gehalten als Poggendorf das Telefon. Und daß ein Weinbauer in Kitzeck, sobald auf dem Hang was zu werden und wachsen beginnt, die Rebstöcke umschmeißen und die Ernte vor der Reife noch vertilgen werde, wär auch damals nicht in meinen Kopf gegangen. Dafür kriegt er Geld, von dem lebt die Familie. Seiner Hände Arbeit ist es, seiner Hände Arbeit zu vernichten. Das ist nicht Wahnsinn, das ist Wirtschaftspolitik. Und ich hätte es für eine dummdreiste Denunziation gehalten, daß in einer alternativen Schule bei Graz, wo sie sich weiß Gott was einbilden auf ihre demokratischen Usancen, per Umfrage unter Eltern und Schülern festgestellt werden sollte, man dulde dort keinen Behinderten. Das ist : edle Demokratie als Methode, auf korrekte Weise Schweinehund zu sein. Jeder hier kennt aus Eigenem zu viele Beispiele für derart Verkehrtes. Die Liste von Schändlichkeit und Wahnsinn - sie ist wohl unendlich. Das schlimmste daran - unsre Gewöhnung daran. "Arm ein Land," sagt Brecht, "das Helden braucht." Was für Zeit im land, da jemand wie Alfred Stingl unweigerlich zum Helden wird, nur weil es ihm selbstverständlich ist, daß man auch Ausländern und Bettlern begegne mit einer Haltung zwischen Anstand und vernünftigem Gesetz. Dafür lesen ihm die Brüder sogar von christlichen Medien die leviten. Er möge doch im eignen Interesse das ganze Klopapier allein verbrauchen. Daß er im eignen Interesse menschlich bleiben und es nicht ertragen möchte, daß seine Seele Schaden nimmt, begreift man nicht, ist auf Haider einge-stellt von Kopf bis Fuß und predigt ohne Scham Erbarmungslosigkeit. Denn die Verhältnisse, die sind halt so.
 

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Die Verhältnisse : Verbesserungen, die das Beratungszentrum erreicht, sind in manchem Fall mit einem Schlag zunichte. Das Arbeitsmarktservice wird ausgehungert und hungert andere aus. Alle Verantwortlichen wissen, was sie tun, und wissen, daß es falsch ist und tun es. Daß gespart werden muß, sei klar. Bei jenen natürlich, die sich nicht wehren. Kranke mit dem schlechtesten Image zuerst, inzwischen wird gearbeitet an der Zermürbung der andren. Der soziale Kahlschlag ist durch die rechte Stimmung aufbereitet schon von langer Hand und mit Handlangern in diversen Redaktionen. Das ging nicht ohne Bilder ab vom Feind. Die mußte man schaffen. Brachte das Wort Sozialschmarotzer auf und unter die Leute, entdeckte als Volks-sport die beliebte Denunziation - nur erging die Meldung über Nachbarn und Kollegen nicht an die Gestapo, sondern an Sozial- und Arbeitsamt und die Finanz. Die Hetze begann mit lauter verständigen Gründen : Daß der Mißbrauch sozialer Gelder tunlichst verhindert werden muß, ist ja völlig richtig. Nur wird inzwischen mit Mißbrauch der übelste Mißbrauch getrieben. Ich frag mich nebenbei, ob es ein Zufall ist, daß die Diskussion über die Sterbehilfe ernsthaft erst ins Laufen kam, als klar war, daß für Pensionen, wenn sie anfalln, viel zu wenig Geld vorhanden ist. Die Erklärungen zur Sache selbst klingen freilich human und plausibel.
 

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Verhältnisse, die Egoismus preisen als Tugend, machen blind für Modelle, die auf andre Weise ticken und damit prachtvoll gedeihn. Sei es das Beratungszentrum, sei es von mir aus Sturm Graz. Sein Trainer Ivica Osim, der sieger, lehrt die Sportler Durchsetzungsvermögen und Kampfgeist. Zugleich sagt er :"Egoismus ist schön. Aber nur, wenn man allein zu Hause ist." Was nimmt man nicht diesen Meister zum Vorbild, diesen Gipfelstürmer ? Ich frage, ob den Mann aus Sarajewo der heimatliche Kriegswahnsinn solche Einsicht gelehrt hat. Ob er entsetzt begreifen mußte, wie Nachkriegszeit zur Vorkriegs- und zur Kriegszeit wird. Ob er erkannte, wie harmlos das Grauenhafteste losgehen kann, wie ärgste Zeichen ohne Arg gelesen werden : So schlimm wird es nicht kommen und es wird so heiß schon nicht gegessen wie gekocht. War er gezwungen zu erkennen : Unmenschlichkeit beginnt mit so plausiblen Gründen. - ?
 

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Immer wieder hab ich in den 20 Jahren Freunde, Bekannte und alle möglichen Leute auf das Beratungszentrum aufmerksam gemacht. Telefonnummer früher 91 10 04, heute 71 10 04. Wenn sie mit sich selber nicht zurechtkamen und nicht mit dem Partner, mit Mobbing nicht um-gehen konnten und nicht mit der Flasche und nicht mit der Welt, wenn sie Psychosomatosen sammelten, wenn Trauer um einen geliebten Toten sie zerdrückte, wenn sie mit Kindern nicht mehr weiter wußten oder Eltern. Vor allem aber : wenn ich selbst mit ihnen nicht mehr weiter wußte. Immer wieder gemerkt, daß ich besseres als diesen Rat kaum hätte geben können. Und weil die Hemmung vor der Psychiatrie immer noch enorm ist, war es von Vorteil, ehrlich sagen zu können : "Dort sitzen Freunde, die kenn ich, geh hin." Ein weitrer Vorteil :"Beratungszentrum" klingt nach nichts Besonderem, aber somit auch nach nichts zum Fürchten. Die Reaktionen der Bekannten später :"Warum bin ich nicht früher hingegangen ! Was hätt ich mir und den Meinen an Schmerzen erspart." Und weiter sagten sie :"Ich kann genau gar nicht erzählen, was die Ge-sprächspartner dort gemacht haben mit mir. Erstmals nach langer Zeit hat jemand Zeit für mich gehabt. Mich akzeptiert, so wie ich bin. Erstaunlich, schließlich war ich ehrlich. Sie haben mich ganz ohne Vorwurf doch irgendwie hart hergenommen. Danach in der Granatgasse draußen ein erlösender Weinkrampf, dann das erste richtige Durchatmen seit ewig und auf einmal hatte ich Augen auch für die Farben rundum." Diese Schilderung beschreibt einen Teil der Leistung des Beratungszentrums wohl besser als Zahlen, die führen sie auch. Therapien : 6300 steht da. Wer jetzt den Satz erwartet "Hinter diesen Zahlen stecken Menschen", der hat recht.
 

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- dahinter steckt einer, dem allein das Atemholen schon eine unmenschliche Anstrengung ist und völlig sinnlos.

- und einer, dem ist die Einsamkeit morgens besonders schlimm, mittags besonders schlimm, abends besonders schlimm. Nachts unerträglich. Und so weiter.

- und einer, der sich wundert, daß im Park die Bäume nicht verdorren, sobald er vorbeikommt

- und einer, der wollte seine Frau auf Händen durch das Leben tragen. Sah er sie an, tat ihr das wohl. Und wenn er ihre Stimme hörte, machte ihn das glücklich. Jetzt fragt er, wer das sei, da in der Küche, da in der seltsamen Welt, sieht sie an wie ein Ding, von dem der Name abge-fallen ist. Das Ding weint,

- und einer, der was sagen möchte, aber.

- und einer, der zittert vor Angst, die ihn anspringt, schrein will und Angst hat vor dem Schrei, der nicht von dieser Welt ist und mitten in ihm, und dann nichts als Angst vor der Unendlichkeit des schauderhaften Echos.

- und einer, der vor wenigen Jahren, als das Kind geboren wurde, angesichts dieses maßlosen Wunders groß vor Stolz und vor seliger Ehrfurcht ganz klein war. Jetzt ist er damit beschäftigt, dem Wunder büschelweis die Haare auszureißen.

- und einer, der ... was eigentlich genau ?

- und einer, der weiß nicht, woher.

- und einer, der weiß nicht, wohin. Das ist jetzt nicht philosophisch, sondern : er hat keine Wohnung.

- und einer, dem es immer seltener gelingt, sich im Spiegel zu erkennen.

- und einer, der sein heiliges Versprechen, nie mehr einen Tropfen, feiern muß mit einer Flasche. Nach dem zweiten Schluck gelingt sogar die Vorstellung, ein guter Mensch zu werden, zumindest erträglich.

- und einer, der erwacht in der Nacht, im Finstern vor ihm die Szene deutlich wieder, da er ge-demütigt wurde und wird in der Familie und in der Firma und wie er sich, blöd und gelähmt, nicht wehren konnte, nicht zurückschlug, und er kann das heute wieder nicht.

- und einer, den die Polizei anruft. Grüß Gott, Ihre Mutter hängt im Park. Wo ? Auf dem Ast.

- und einer, dem will nichts gelingen als der Selbsthaß, der dafür meisterhaft.

- und einer, der sieht, wie er den Lieben auf die Nerven geht mit seinem Leiden und so darunter leidet, daß er ihnen noch mehr auf die Nerven geht und deshalb noch mehr leidet und ihnen so lang auf die Nerven geht, bis
 

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Wir kenne uns nicht aus, sind verunsichert. Das macht Sehnsucht nach totalitären Lösungen. Die geben vor, zu geben, was uns fehlt : Stabilität. Für die Vision von Sicherheit sind wir bereit, Werte über Bord zu werfen mit den Hinweis : "Schau, dafür geht es flott weiter." Jajaja : Totale Freiheit führt zu Chaos, totale Ordnung aber in den Polizeistaat. Am totalen Dreck wird man er-sticken, aber totale Sauberheit garantiert uns den klinischen Tod. Es geht also um Balance von alledem. Und die immer neue Suche nach der brauchbaren Balance bräuchte, glaub ich, mehr Gelassenheit und viel weniger Lust auf das Totalitäre. Dafür mehr Wissen um die paar wesent-lichen Kleinigkeiten. Zum Beispiel : nicht vergessen, daß die Schönheit eines menschlichen Ge-sichts oft erst durch Makel aufblüht, ein Muttermal und einen schrägen Schneidezahn. Damit die Schönheit wirken kann, braucht sie ihr Gegenteil in sich. Harmonie gibt es dort, wo die Ele-mente sich nach einer ganz besonderen Intuition zusammenfügen. Ich denke an griechische Tempel : die aufgestellten Säulen stehen, streng mathematisch betrachtet, allesamt falsch in der Gegend herum. Wer die Abstände nachmessen geht, wird sich wundern : soviel Vollkom-menheit aus nichts als aus Fehlern. Als Vladimir Horrowitz nach der Einspielung einer schwie-rigen Klaviersonate die paar Fehler ausmerzen sollte, die ihm unterlaufen waren, verzichtete er. Die Korrektur wär technisch eine Kleinigkeit gewesen. Aber das Genie sagte lakonisch : "Ganz ohne Fehler wird es unmenschlich."
 

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In der Massengesellschaft ist der einzelne nichts. Aber ohne den einzelnen geht nichts. Das muß ich, wo ich geh und steh, erkennen. Als Kind und als Vater und Mutter, als Schüler und Lehrer, als jemand vor dem Schalter und jemand dahinter, als Patient und Therapeut, als einer, der spricht und als einer, der hört. Man könnte einem Säugling erzählen, daß Realität - wie Hirn-forscher wissen - de facto ein Konstrukt unsres Gehirns ist. Sein Kommentar wird in der Windel dampfen. Er will nur seine ganze Mama haben, ihre Berührung, ihren Herzschlag, ihre Stimme, ihren Geruch, ihren Blick und ihre Brust. Und idealerweise, auch ihr Glück mit ihm. Massenge-sellschaft hin, Relativität von Wirklichkeit her - wenn Mama fehlt, ist es die Hölle. Und wenn der Gefährte fehlt, mein therapon.
 

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Daß dieser Säugling seine ganze Mutter haben kann oder den Vater, daß die Gefährten mit-einander besser können, und daß es Hilfe gibt, wo man´s nicht kann, dafür braucht es Organi-sation auch auf politischer, sozialer, ökonomischer Ebene, dafür braucht es Kultur und Struktur, die dies ermöglicht oder erleichtert. Wenn dafür jeder einzelne wichtig ist, ist es jeder Politiker auch. Wegen der Macht mehr noch in die Pflicht zu nehmen als da unten wir. Deshalb im Hin-blick auf eine gute Zukunft des Beratungszentrums, das es hier zu feiern gilt, und der Gesund-heits-, Arbeits- und Sozialpolitik, bei der es nichts zu feiern gibt, der simple Appell :
Waltraud Klasnic, Landeshauptfrau, tun Sie das Ihre. Günther Dörflinger, Spitalslandesrat, tue das Deine. Anna Rieder, Soziallandesrätin, tun Sie das Ihre. Alfred Stingl, Bürgermeister, tun Sie das Ihre. Et altera detto.
Diese Liste nimmt mit fröhlicher Unverschämtheit nacheinander jeden der hier Anwesenden auf, ohne viel zu fragen und zu fackeln. Denn jeder hat seinen Wert und seinen Platz. Denn zu tun und zu sein ist überall und ist genug. Denn der wertvolle Rest des wertvollen Lebens, den wir zu nutzen haben, beginnt - wie immer - jetzt.
 

Festrede anläßlich der Feier
20 Jahre Beratungszentrum für psychische und soziale Fragen
im Kulturzentrum bei den Minoriten am 15.05.1998